Bank? Besetzen!

Studierende der Boğaziçi-Universität fordern seit Jahren einen selbstverwalteten, nicht-kommerziellen Raum an ihrer Uni. Nun soll stattdessen eine weitere Bankfiliale auf dem Campus eröffen. Die entsprechende Räumlichkeit wurde am 04.12.2013 von Studierenden besetzt.

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Foto: Ali Çağlar Özkan

 

An der Istanbuler Boğaziçi-Universität, einer der prestigeträchtigsten öffentlichen Hochschulen des Landes, fehlt es scheinbar an nichts: Auf dem Campus gibt es einen Friseursalon, eine Post, zwei Copyshops, sieben Cafés und Bistros und zwei Buchläden. Des weiteren betreiben Dunkin Doughnuts, Starbucks und zwei Banken hier jeweils eine Filiale. Das einzige was es nicht gibt: einen Ort, an dem Studierende zusammenkommen oder Zeit verbringen können, ohne Geld zu bezahlen.

 Viele Studierende wohnen in Sechser- oder Achter-Zimmern in den Wohnheimen auf dem Campus. Diese Zimmer, in denen zwischen den Stockbetten wenig Platz bleibt, kommen nicht in Frage als Ort, um sich mit Freund*innen zu treffen. Lubunya, die LGBT[1]-Hochschulgruppe, sucht für ihr Plenum jede Woche erneut nach einem freien Tisch in einem der Bistros, an dem alle ihre Mitglieder Platz finden und sich inmitten des klappernden Geschirrs verstehen können. Gemeinsam mit den Nachbarschaftsforen, die seit den Gezi-Protesten in ca. 30 Stadtteilen regelmäßig abgehalten werden, hat sich auch an der Boğaziçi ein Uni-eigenes Forum gegründet, mangels einer effektiven Studierendenvertretung oder Fachschaftsorganisationen. Auch dem Forum fehlt es an Räumlichkeiten.

Eine Welt ohne Geschlecht, Nation und Kapital!

Ein nicht- (wenn nicht anti-) kapitalistischer, selbstverwalteter Studierendenraum wird seit Jahren gefordert. 2011 hielten Studierende drei Monate lang die Starbucks-Filiale auf dem Campus besetzt. Sie schliefen und kochten dort, hielten Plena, schenkten Tee gegen Spende aus und waren plötzlich im Fokus landesweiter Medien: ein friedlicher Angriff auf das Karamell-Latte-Imperium. Die äußerst zeit- und kraftintensive Besetzung scheiterte schließlich an der Prüfungszeit.

Die Uni-Leitung reagierte auf die Forderungen nach einem Raum mit Verständnis, doch wusste die Verantwortung stets von sich zu schieben: Ein solcher Raum sei auf dem Campus schlichtweg nicht vorhanden. Dieses Argument entspricht nicht mehr der Wahrheit. Eine ehemalige Vodafone-Filiale steht seit etwa einem Jahr leer. Der Raum ist klein, doch an einem sehr zentralen Ort auf dem Campus gelegen und vor seiner Fensterfront befindet sich eine kleine Terrasse: ideal für ein selbstverwaltetes Studierenden-Café.

Dort soll nun möglicherweise eine weitere Bankfiliale eröffnen. Nachdem die Nachricht über entsprechende Verhandlungen zwischen der Uni-Leitung und der ING-Bank das Studierenden-Forum erreichte, wurde der Raum vergangenen Mittwoch (04.12.2013) kurzerhand besetzt. Während der feierlichen Eröffnung des neuen Freiraumes wurde die gläserne Front von Vodafone-Werbung befreit und die Außenwand mit dem Traum besprüht, der hier Wurzeln schlagen soll: „Cinsiyetsiz, Milliyetsiz, Sermayesiz bir Dünya!“ (Eine Welt ohne Geschlecht, Nation und Kapital!). Ein Studierenden-Kollektiv im Besitz eines Samovas schenkt dort seitdem Tee gegen Spende aus.

Eine Gruppe gegen die andere ausspielen

Viele Fragen bleiben indes ungeklärt. Einige sind praktischer Natur: woher Stühle, Tische, Wandfarbe, Toastmaschine, etc. nehmen um den Ort überhaupt einladend gestalten zu können? Was bisher jedoch überwiegt sind die theoretischen Fragen. Die Uni-Leitung hat als Reaktion auf die Besetzung große strategische Geschütze aufgefahren: Die Gärtner*innen der Uni benötigten ebenfalls einen Raum um sich umzuziehen und ihre Pausen zu verbringen. Der nun besetzte Raum wäre ihnen zugedacht worden. Zwei Gärtner*innen, die im Studierenden-Forum anwesend waren, bestätigten die Notwendigkeit eines Raumes für sich und ihre Kolleg*innen. Wieso ihnen der Raum während der langen Zeit seines Leerstands nicht schon längst übergeben wurde, bleibt indessen unklar.

Hinter die schützenden Toren der Elite-Universität ist bisher noch kein Tränengas vorgedrungen. Die Administration der Uni scheint eine intelligentere Strategie parat zu haben als die Administration des Landes, um dem Protest gegen die Kommerzialisierung öffentlicher Räume zu begegnen: Eine Gruppe gegen die andere auszuspielen und am Ende – wie immer – die Bank gewinnen zu lassen. Bis es so weit kommt wird noch viel Tee den Hahn des Kollektiv-Samovas hinunterfließen.

 

 


[1] Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender

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